Wenn man in Yangon ankommt, hat man das Gefühl, in einer ganz normalen Grossstadt gelandet zu sein: Die Strassen sind voller Menschen, geschäftiges Treiben in den Läden und der gewohnt dichte Verkehr einer südostasiatischen Metropole branden um einen herum. Wenn man aus dem Fenster seines Taxis schaut, würde man kaum vermuten, dass bewaffnete Konflikte Myanmar seit Jahren erschüttern.

Zum Titelbild: Prayer Session im Refugee Camp, North Yangon
Dieser Artikel wurde vom Projektverantwortlichen der Region Südostasien von AVC (Aktion für verfolgte Christen) verfasst. Die AVC ist Mitgliedsorganisation von Interaction.
Trotz internationaler Reisewarnungen sind wir nach Myanmar gereist, um langjährige Projektpartner und Freunde zu treffen. Wir hatten uns darauf gefreut, sie zu ermutigen und uns ein eigenes Bild von der aktuellen Situation zu machen. Geplant waren Besuche in einer Schule, einem Waisenhaus, einem Zentrum für drogenabhängige Jugendliche sowie in verschiedenen Projekten zur Bibelübersetzung.
Doch schon bald wird uns klar, dass der Eindruck von Normalität trügerisch ist. Bereits kurz vor unserer Reise mussten wir den Besuch im Norden des Landes canceln – Drohnenangriff auf einen Flughafen. Viele Regionen Myanmars sind aufgrund der anhaltenden Konflikte und Kämpfe nur schwer oder gar nicht zugänglich.
Der Konflikt in Myanmar ist ein Bürgerkrieg zwischen der Militärregierung und verschiedenen Widerstandsgruppen. Am 1. Februar 2021 stürzte das Militär die demokratisch gewählte Regierung und der Konflikt verschärfte sich. Die Palette der Konfliktparteien ist breit: Widerstandsgruppen, Demokratiebewegungen, lokale Volksverteidigungskräfte und ethnische Rebellenorganisationen, kämpfen teilweise schon seit Jahrzehnten für mehr Autonomie.
Je länger wir im Land sind, desto deutlicher werden die Einschränkungen im Alltag durch die gewaltsamen Konflikte: Kontrollposten erschweren die Fortbewegung im Land, immer wieder müssen wir die Reiseroute anpassen und flexibel auf sich ständig ändernde Vorschriften reagieren. Was für uns als internationale Reisende unbequem ist, birgt für die Bevölkerung ganz andere Herausforderungen: Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt. Ständig wechselnde Vorgaben erschweren Logistik und Lieferketten im Land. Myanmar ist stark von importierten Treibstoffen abhängig, und die anhaltenden globalen Krisen, wirken sich deshalb unmittelbar auf die Lebenshaltungskosten und die Mobilität der Bevölkerung aus. Viele Menschen blicken sehr verunsichert in die Zukunft.
Seit vielen Jahren setzt AVC auf die Arbeit mit regionalen Partnern. Sie kennen die Sprache, die Kultur und die Herausforderungen ihres Landes am besten. Dank ihres unermüdlichen Engagements können wir Projekte weiterführen. Trotzdem gehen der Bürgerkrieg in Myanmar und die schwierige wirtschaftliche Situation, auch an AVC‑Projekten nicht spurlos vorbei. Für unsere lokalen Partner bedeutet dies zusätzlichen organisatorischen Aufwand: längere Wege, teurere Transporte und unsichere Planung. Dennoch setzen sie ihre Arbeit fort.
Mitten in den Strapazen eines ermüdenden Spiessrutenlaufs auf südostasiatischen Strassen, wurde uns internationalen Gästen eines immer klarer: Die eigentliche Stärke unserer Arbeit in Myanmar liegt nicht darin, dass wir vor Ort sein können. Sie liegt in den Menschen, die geblieben sind.
So erhalten Kinder einer ethnischen Minderheit – der Akha, die in den abgelegenen Bergregionen im Grenzgebiet von Myanmar, Thailand, Laos und China lebt – weiterhin Zugang zu Bildung. Die Golden Triangle Mission School (GTMS) eröffnet Zukunftsperspektiven in einem unsicheren Umfeld. Nomi (14) ist eine dieser Schülerinnen, die von der Beharrlichkeit und Treue unserer Partner profitiert hat. Sie besuchte GTMS seit ihrem fünften Lebensjahr. „Die Schule war für mich mehr als ein Ort, wo ich lernen konnte. Sie fühlte sich eher an wie ein Zuhause.“ Heute besucht Nomi eine staatliche Schule und erkennt, wie das Fundament, das sie an der GTMS erhalten hat, sie trägt. Für ihre Zukunft hat sie einen klaren Wunsch: „Ich möchte Krankenschwester werden und damit eines Tages Gott und anderen Menschen dienen.“
Ein weiteres Beispiel ist das New Life Center: Dort begleiten Mitarbeitende junge Menschen, die von Drogenabhängigkeit betroffen sind. Sie helfen ihnen, Wege zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. Dabei geht es nicht nur um praktische Unterstützung: Viele Jugendliche hören zum ersten Mal, dass sie wertvoll sind, Gott einen Plan für ihr Leben hat und sie Hoffnung für ihre Zukunft haben dürfen. Eine ermutigende Geschichte erzählt Jeng (48): Sein ältester Sohn war einst drogenabhängig und durchlief das Programm. „Durch Gottes Gnade wurde er vollständig frei“, berichtet Jeng. Heute ist sein Sohn ordinierter Pastor in der Jade-Minen-Region von Phakant.
Solche Projekte verändern nicht nur einzelne Lebensgeschichten. Sie haben das Potential, Familien, Gemeinschaften und ganze Regionen positiv zu beeinflussen.
In den Gesprächen mit unseren Partnern vor Ort überraschte uns jedoch am meisten, worum sie uns baten: «Wir brauchen mehr Bibeln!», erklärten sie uns ohne Umschweife, und dass es Gottes Wort ist, das eine
Veränderung im Herzen und im Charakter bewirkt. Die Bibel ist in ihrer Arbeit eine wichtige Grundlage für langfristige Veränderung. Sie wünschen sich Bibeln in den Sprachen der verschiedenen Volksgruppen. AVC stellt Ausgaben bereit, die den Bibeltext in der jeweiligen Muttersprache sowie auf Englisch enthalten. So helfen sie nicht nur beim persönlichen Bibelstudium, sondern auch, Englisch zu lernen. Unsere Partner beobachten immer wieder, dass durch Gottes Wort, wenn es ernstgenommen und angewendet wird, eine sichtbare Veränderung im Umfeld der Menschen bewirkt. Das hat positive Auswirkungen auf die ganze Region.
Rückblickend machten nicht die Orte, die wir erreichen (oder eben nicht erreichen) konnten, diesen Feldbesuch aus. Die Reise handelt auch nicht von den vielen Hindernissen, die sich uns in den Weg stellten. Sondern von Menschen, die trotz Krieg geblieben sind. Von Lehrerinnen und Lehrern, die weiter in abgelegenen Gegenden unterrichten. Von Mitarbeitenden, die junge Menschen in eine unsichere Zukunft begleiten. Von Gemeindeleitern, die ihre Gemeinschaften mitten in Krieg, Verfolgung und Bedrängnis stärken. Von Partnern, die auch unter schwierigen Bedingungen Wege finden, zu helfen. Sie sind der Grund, warum unsere Hilfe in Myanmar weiterhin möglich ist.
Ich melde mich für den Newsletter an