Gemeinsam stark: Lehren aus lokalen Partnerschaften bei Morija

Die Mitgliedsorganisation von Interaction teilt ihre Erfahrungen im Bereich der Lokalisierung.

SHARE
Morija RA_Lucie
|
30 Juni 2025
|

Im Jahr 2023 beteiligte sich Morija gemeinsam mit drei weiteren Mitgliedsorganisationen von Interaction an einem Reflexionsprozess über seine Partnerschaftspraktiken. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit den Themen Lokalisierung und Dekolonisierung der Entwicklungszusammenarbeit. Dieser Prozess ermöglichte es, Fortschritte, Spannungsfelder und grundlegende Dilemmata in den Ansätzen der Organisation sichtbar zu machen.

Von Morija

Die lokalen Partner von Morija sind oft kleine NGOs oder Kirchen, die tief in den Realitäten ihrer Gemeinschaften verwurzelt sind. Wo immer möglich, setzt die Organisation auf langfristige Beziehungen, die auf gegenseitigem Verständnis und Vertrauen beruhen. Initiativen, Methoden und Teams entstehen dank eines kontinuierlichen Dialogs direkt vor Ort. Um diese Dynamik zu stärken, hat Morija kürzlich ein neues Analyseraster zur Auswahl neuer Partner entwickelt, das auch hilft, die Unterstützungsbedürfnisse bestehender Partner besser zu erfassen.  

Ressourcen teilen – aber wie weit? 

Morija trägt einen grossen Teil der Kosten der unterstützten Projekte – und in manchen Fällen sogar die gesamten Ausgaben einer Organisation, wenn diese keine anderen Finanzierungsquellen hat. Diese Abhängigkeit wirft berechtigte Fragen auf, denn sie kann die langfristige Tragfähigkeit eines Projekts gefährden – und damit auch den lokalen Partner, der es umsetzt. Das Gleichgewicht zwischen Solidarität, Eigenständigkeit und Abhängigkeit ist empfindlich. Doch das Ziel bleibt klar: begleiten, unterstützen und die Voraussetzungen für eine nachhaltige lokale Selbstständigkeit schaffen. 

Erfreulicherweise gibt es auch positive Entwicklungen: So konnte sich das Medizinisch-Chirurgische Zentrum in Kaya, Burkina Faso, im Jahr 2024 bereits zu rund 60 % selbst finanzieren. 

Kein entsandtes Personal – aber starkes Engagement vor Ort 

Ein besonderes Merkmal von Morija ist, dass seit über 15 Jahren kein ausländisches Personal in den Projekten eingesetzt wird. Alle operativen Teams – Koordinator:innen, Ausbildende, Pflegepersonal, Buchhalter:innen – werden lokal rekrutiert. Diese bewusste Stärkung lokaler Partner hilft, Machtungleichgewichte zu vermeiden und die nationale Expertise zu fördern. 

Das bedeutet jedoch keinen Rückzug. Die Partnerschaft bleibt lebendig – durch regelmässige Besuche, fachlichen Austausch und strategischen Dialog. Das Medizinisch-Chirurgische Zentrum in Kaya ist ein anschauliches Beispiel: Medizinische Entscheidungen, Logistik und die Nachsorge der Patient:innen werden vollständig von einem burkinischen Team getragen, das kontinuierlich weitergebildet wird. 

Die Widersprüche der Lokalisierung 

Auch wenn Lokalisierung heute weithin befürwortet wird, offenbart ihre praktische Umsetzung gewisse Widersprüche. Lokale Akteure erleben diesen Wandel mitunter als Statusverlust oder als Zunahme an Unsicherheit – denn die Mitarbeit bei einer internationalen NGO gilt vielerorts weiterhin als Zeichen von Ansehen und Stabilität. Die westlichen Beweggründe – ethischer, politischer oder strategischer Natur – werden vor Ort nicht immer geteilt oder verstanden. 

Fortschritte – und offene Fragen 

Die Lokalisierung steht mitunter im Spannungsfeld zu den Anforderungen institutioneller Geldgeber. Um Fördermittel zu erhalten, ist häufig eine Anpassung an normative Vorgaben oder standardisierte Formate notwendig, die nicht immer den lokalen Realitäten gerecht werden. Auch bei Morija zeigt sich diese Spannung in langjährigen Partnerschaften, die manchmal als langsam wahrgenommen werden – obwohl sie Ergebnis bewusster Entscheidungen, sorgfältiger Annäherung und echter Veränderungsbereitschaft sind. Es gilt den Gemeinschaften zu vertrauen, die ihre Bedürfnisse am besten kennen.  

Dennoch sind wir überzeugt vom Wert lokaler Partnerschaften – ohne sie zu idealisieren. Partnerschaft ist kein Selbstläufer. Sie entsteht über Zeit, mit Sorgfalt, Vertrauen und Demut. Mit dem Teilen unserer Erfahrungen möchten wir die kollektive Reflexion hin zu einer gerechteren, respektvolleren und stärker lokal verankerten Zusammenarbeit fördern. 

Foto: Lucie, 13 Jahre alt, nach einer Schienbeinoperation auf der Intensivstation des Medizinisch-Chirurgischen Zentrums in Kaya, Burkina Faso.© Chantal Dervey/Morija.

Dieser Artikel ist im Jahresbericht 2024 von Interaction erschienen. 

Mehr Informationen

Wenn es Ihnen gefällt, können Sie es teilen

Weitere Artikel

Learning Agenda 2026
Die Kursagenda 2026 ist da!

Im nächsten Jahr stehen wieder vielseitige Online-Kurse rund um die Entwicklungszusammenarbeit an.

2 Dezember 2025
Explo2025 (5)
Neuer Bericht von cinfo zu Lokalisierung und Dekolonisierung

Die Studie zeigt aktuelle Entwicklungen und Ansätze aus der Praxis der Schweizer NGOs auf.

24 November 2025
Chryzalid Onésime 2025
Onésime-Zentrum in der Elfenbeinküste: ein Sprungbrett in die Zukunft

In einem Video erzählen die Bewohner:innen, wie das Rehabilitationszentrum ihr Leben verändert hat.

Hochwertige Bildung  Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
20 November 2025
Ich melde mich für den Newsletter an